HRI-Preisträgerin 2011: Godeliève Mukasarasi, Ruanda

Am 9.12.2011 wurde der HRI-Preis für Menschenrechte in einem feierlichen Rahmen in Bozen, Italien, an Godeliève Mukasarasi aus Ruanda verliehen. Die Laudatio hielt Fr. Dr. Monika Hauser, Gründerin von medica mondiale e.V. und Trägerin des als Alternativer Nobelpreis bekannten Right Livelihood Award 2008.

Godeliève Mukasarasi, geboren im Jahr 1956, verwitwet mit vier Kindern, ist eine der führenden Menschen- und Frauenrechtsaktivistinnen ihres Landes – seit mehr als 25 Jahren arbeitet die Sozialarbeiterin für die Verwirklichung von Frauen- und Kinderrechten.

Mit der Gründung von SEVOTA Ende 1994, einer Unterstützungsgruppe vor allem für Witwen und Waisen des Genozids, hat Frau Mukasarasi einen unschätzbaren Beitrag zur demokratischen Entwicklung Ruandas sowie für die Förderung von Menschenrechten geleistet.

Laudatio von Monika Hauser

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Monika Hauser spricht in ihrer Laudatio für die HRI-Preisträgerin Godeliève Mukasarasi über deren herausragenden Einsatz für die Opfer von sexualisierter Gewalt in Ruanda, deren Akteptanz- und Intgrationsprobleme im sozialen Umfeld und die bis heute andauernde schwierige Situation der aus Vergewaltigungen geborenen Kinder.

Lesen Sie die Laudatio im Originaltext.

SEVOTA

SEVOTA (Solidarité pour l’Epanouissement des Veuves et des Orphelins visant le Travail et l’Auto Promotion, dt.: Betreuungsrahmen für Witwen und Waisen zur Förderung von Arbeit und Eigenverantwortung) arbeitet mit dem Ziel, die zerstörten menschlichen, sozialen und kulturellen Beziehungen zu normalisieren und Gewalt als Konfliktlösungsmittel vorzubeugen. Die Organisation initiiert und begleitet Gruppen, die Mikroprojekte und Einkommen fördernde Maßnahmen entwickeln und organisiert den kontinuierlichen Austausch der RepräsentantInnen von Witwen- und Waisenorganisationen. Darüber hinaus arbeitet SEVOTA mit Mädchengruppen zu selbstbestimmter Entwicklung von Geschlechterkonstruktionen und leistet individuelle Betreuung oder Gruppenbegleitarbeit mit Gewalt- und Traumaopfern. Ein weiterer Schwerpunkt von SEVOTA ist die Dokumentation von Zeuginnenaussagen sowie die Organisation und Durchführung von
öffentlichen Informationsveranstaltungen zu Frauenrechten. Mit ihrem Einsatz hat SEVOTA in hohem Maße dazu beigetragen, Aussagen von Überlebenden sexualisierter Gewalt während des Genozids für den Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda zu dokumentieren. Frauen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben und zum großen Teil Kinder aus den Vergewaltigungen geboren haben, erhalten durch die Arbeit von SEVOTA und ihren Partnerinnen die Möglichkeit, sich über Schwierigkeiten mit ihren Kindern, in ihren Familien und in ihrem Umfeld auszutauschen. Die Erfahrung, nicht alleine zu stehen mit dem Erlebten – insbesondere mit den Schuldgefühlen gegenüber ihren Kindern – gibt ihnen Kraft und neuen Mut, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen.

Der Völkermord in Ruanda kostete das Leben von fast 1 Millionen Menschen im Jahr 1994. In nur 100 Tagen töteten zwischen April und Juli 1994 Angehörige der Hutu-Mehrheit etwa 75 Prozent der in Ruanda lebenden Minderheit der Tutsi sowie moderate Hutu. Die Folgen von Bürgerkrieg und Genozid prägen auch nach 16 Jahren die Entwicklung Ruandas maßgeblich mit. Die Wiederherstellung des sozialen Gefüges, juristische Aufarbeitung und gegenseitige Vertrauensbildung stehen im Sinne von anhaltender Konfliktprävention im Vordergrund. In Ruanda leben rund 90% der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Dazu kommen durch Flucht und Vertreibung entstandene Auseinandersetzungen um den Anspruch auf Ländereien, fehlende Entschädigung der Genozidüberlebenden, die unvermeidliche räumliche Nähe der Täter und Opfer sowie die teilweise schleppende juristische Strafverfolgung. All diese Hindernisse müssen berücksichtigt werden auf dem Weg zu einer nachhaltig friedlichen Entwicklung Ruandas. Während des Genozids 1994 diente sexualisierte Kriegsgewalt systematisch als Mittel zur Verbreitung von Angst und Schrecken: „Vergewaltigung war die Regel, ihr Nichtstattfinden die Ausnahme“, stellte der UN-Sonderbeauftragte für Ruanda, René Degni-Segui fest. Nach Schätzungen von Human Rights Watch wurden 250.000 bis 500.000 Frauen und Mädchen Opfer sexualisierter Kriegsgewalt. Opferverbände gehen zudem von mehr als 10.000 Kindern aus, die in Folge dieser Vergewaltigungen geboren wurden. Noch heute leiden viele der Überlebenden sexualisierter Gewalt an psychischen und physischen Krankheiten, ohne dafür eine entsprechende Behandlung zu bekommen. Wenn eine medikamentöse Behandlung vorhanden ist, mangelt es oft an einer ausreichenden und ausgewogenen Ernährung, um die Medizin vertragen zu können. Eine psychosoziale Begleitung für die Frauen, die sexualisierte Gewalt überlebt haben ist selten. In der Gemeinschaft wird Gewalt an Frauen oft nicht besprochen und die Betroffenen stigmatisiert. Das Gleiche gilt für die Kinder, die aus den Vergewaltigungen geboren wurden: als ‚Kinder des Hasses’ oder ‚Kleine Killer’ werden sie ausgegrenzt und beschimpft. Auch die Mütter können ohne Begleitung oft keine normale Beziehung zu den Kindern aufbauen.

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